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„Reisen bildet“ – selbst eine Fahrt nach Lotte

18. März 2019

„Reisen bildet“ - diese Weisheit verkündet ein altes Sprichwort. Demnach muss die „Dritte Liga“ für Fußballfreunde ja eine ausgesprochen attraktive Spielklasse sein. Denn wer kennt schon Orte wie Großaspach, Wehen, Aalen oder Lotte? Letzteren vielleicht einige wenige durch das staugeplagte Autobahnkreuz Osnabrück-Lotte (A1/A30). Aber sonst? Vornehmlich wohl „Fehlanzeige“! Die Quintessenz - „Reisen bildet“ (Erhard Blanck *1942).

 Wenigstens die Auswärtsfahrer des FCK erfahren während ihrer Touren kreuz und quer durch die Dritte Liga einen nicht zu unterschätzenden Mehrwert an geografischen Kenntnissen, kulturellen Eigenheiten der Republik und der Lage sportlicher Spielstätten. Auch unter diesem Aspekt machten sich drei Fairplay Mitglieder auf den Weg in die westfälische Gemeinde Lotte im Tecklenburger Land. Allein schon das Stadion, despektierlich – und nicht ganz gerechtfertigt - von einem Fußballfan als „Bolzplatz mit einer Tribüne“ bezeichnet, bestätigte die Feststellung von Theodor Fontane (1819 - 1898) „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat haben“. Überhaupt auf die Idee zu kommen, das „Frimo-Stadion“ mit unserem „Fritz-Walter-Stadion“ zu vergleichen, ist abenteuerlich, absurd! Die kleine Arena an der Jahnstraße verfügt über eine Kapazität von gerade mal 10.059 Zuschauern, davon 2.370 Sitzplätze und 7.689 Stehplätze. Der Fußball-Drittligist VfL Sportfreunde Lotte trägt dort seine Heimspiele aus - so auch am 16. März 2919 beim Gastspiel der „Roten Teufel“. Meist vor einer absoluten Minuskulisse – der Schnitt lag nach dem Gastspiel der Lauterer bei gerade mal 2.736! Und damit auf Platz 18 der Zuschauertabelle vor Großaspach (2.631) und Wehen (2.461)! Es war also nicht allzu weit her mit dem originellen Schlachtruf der wenigen einheimischen Anhänger im Stadion: „Volle Lotte“!

 Somit lag der Zuschauerzuspruch beim Punktspiel gegen den FCK mit 2.662 unmerklich unter dem Durchschnitt. Diese Besucherzahl wurde allerdings nur erreicht, weil rund 1.500 FCK-Fans die Reise in den nördlichen Zipfel Nordrhein-Westfalens antraten. Die Darbietungen beider Teams bei äußerst widrigen Witterungsbedingungen (starker Wind, kühl) belohnten die Mühen der hartgesottenen Fußballanhänger aus beiden Lagern in keiner Weise. Das Niveau der Begegnung stand dem der vergangenen Wochen in nichts nach. Oliver Sperk und Horst Konzok von der „Rheinpfalz“ beschrieben die Art in Liga drei Fußball zu spielen treffend: „Es war Bumerang-Fußball im Tecklenburger Land. Das heißt: Balleroberung – Fehlpass. Angreifen – Pass ins Niemandsland. Flanken – ohne Präzision. Bälle ablegen – am liebsten zum Gegner“.

 Wenigstens die FCK-Fans wurden fürs beispiellose Anfeuern während der gesamten 93 Minuten kurz vor Schluss belohnt: Timmy Thiele traf in der 86. Minute, und mit dem Schlusspfiff machte Florian Pick mit seinem Abstaubertreffer zum 2:0 den Sack endgültig zu (90.+3). Erwähnenswert noch, dass Toni Jovic für die Einheimischen einen Handelfmeter an die Latte ballerte (22.) und Matthias Rahn von Schiedsrichter Wolfgang Haslberger mit einer Gelb-roten Karte vom Feld geschickt wurde (76.). FCK-Geschäftsführer Sport, Martin Bader, sprach von „einem zähen Schinken, den wir am Ende weich geklopft haben“! Auch der für Hendrik Zuck eingewechselte Torschütze Florian Pick (52. Min.) wusste das Ergebnis nüchtern einzuschätzen: „Es war ein Scheißspiel bei diesen Wetterverhältnissen. Wir haben nicht gut gespielt, aber gewonnen“!

 „Reisen sollte nur ein Mensch, der sich ständig überraschen lassen will“. Oskar Maria Gräfs Worte fanden sogar in Lotte Bestätigung. Zwei kurzeitig über dem Stadion kreisende Störche kann man wohl guten Gewissens als verblüffende Momentaufnahme bezeichnen! Ebenso die Tatsache, dass eine wahre SMS-Flut über die zwei auf der Westtribüne sitzenden Fairplay-Damen hereinbrach: „Ihr ward gerade ganz groß im Fernsehen zu sehen. Mindestens 20 – 30 Sekunden lang“! Auch der Lotteraner Anhänger, welcher seinen Vereinsnamen „Sportfreunde“ wörtlich nahm, erregte Aufmerksamkeit. Er kaufte extra einen neuen Lotte-Schal, um ihn mit einem FCK-Anhänger zu tauschen. Die Fairplay-Vorsitzende erklärte sich dazu bereit, verwies allerdings darauf, dass ihrer ein Fanclub-Schal sei. Was den Fan der Sportfreunde noch mehr erfreute. Für weiteres Erstaunen sorgte die Tatsache, dass Markus, ein Fußballfreund aus Bensheim - ebenso wie in Münster geschehen – zufälligerweise erneut das gleiche Hotel wie die Fairplay-Leute gebucht hatte. Mit der Folge, gemeinsam in fröhlicher Runde bei einem gemütlichen Abendessen die drei Punkte zu feiern.

 Für die Fairplay-Mitglieder sollte es allerdings nicht nur beim sportlichen Aspekt der Tour bleiben. Denn schon Johann Wolfgang von Goethe wusste „Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen“. Also wechselten sie vom beschaulichen Lotte im Bundesland Nordrhein-Westfalen rüber in die niedersächsische Großstadt Osnabrück (12 km). Mit über 168.000 Einwohnern zählt sie neben Oldenburg mit den größeren Städten Hannover und Braunschweig zu den vier größten Städten Niedersachsens. Im Mittelalter war Osnabrück Prinzipalstadt des westfälischen Quartiers der Hanse.

 Bekannt wurde die Stadt des aktuellen Tabellenführers der Dritten Liga hauptsächlich als Ort der Unterzeichnung des „Westfälischen Friedens“ von 1648. Als Westfälischer Friede wird die Gesamtheit der zwischen dem 15. Mai und dem 24. Oktober 1648 in Münster und Osnabrück geschlossenen Friedensverträge bezeichnet, die den Dreißigjährigen Krieg beendeten. Ein Türgriff mit der Aufschrift " Friede 1648“ am historischen Rathaus rief dem Fairplay-Trio dieses Ereignis in Erinnerung. Während ihres zweistündigen Stadtrundgangs statteten die Drei der Marienkirche einen Besuch ab. Sie zählt zu den kunsthistorisch bedeutendsten Baudenkmälern Norddeutschlands. Der mittelalterliche Dom St. Peter beeindruckte mit gotischen und romanischen Elementen, einem Taufbecken von 1220 und seinem Triumphkreuz von 1230. Insbesondere die Eindrücke der mächtigen Kirchenbauwerke riefen Worte von Gustave Flaubert (1821 - 1880) ins Gedächtnis: „Reisen macht einen bescheiden. Man erkennt, welch kleinen Platz man in der Welt besetzt“.

 Der Bummel über den Marktplatz lohnt sich zu jeder Jahreszeit. Von den Einheimischen wird er gerne als „gute Stube der Stadt“ bezeichnet. Sogar Petrus hatte ein Einsahen und verschonte die pfälzischen Gäste vor dem tagsüber heftigen Aprilwetter mit starken Regenschauern, Graupel und Sturm. Neben dem geschichtsträchtigen Rathaus, der Stadtwaage und der Marienkirche beeindruckte die Fußballfreunde das Ensemble der farbigen Bürgerhäuser mit ihren Treppengiebeln, die den historischen Platz auf der anderen Seite umrahmen. In unmittelbarer Nachbarschaft, nebenan auf dem Platz des „Westfälischen Friedens“, steht der Bürgerbrunnen, der die wichtigsten Ereignisse der Stadtgeschichte illustriert.

 Was schon Matthias Claudius (1740 - 1815) richtigerweise bemerkte, behielt auch für die „Fairplay-Lotte-Ausflügler“ mehr als 200 Jahre danach Gültigkeit: „Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen“. Eine Aussage, welche die Zeilen dieses Berichts eindrucksvoll und zweifelsfrei bestätigt. Erst Recht, wenn die Fahrt mit drei Auswärtspunkten durch die „Roten Teufel“ garniert wird. Trotz schlechtem Spiel – frei nach dem Motto „Mund abputzen und weitermachen“ (Ex-Nationaltorwart Oliver Kahn)!